BlogInitiativeGermany in short BIG contributes to the further development of weblogs and the blogosphere in Germany and the german speaking countries. The idea of this blog is to discuss the phenomen weblogs/blogosphere from a scientific standpoint. Therefore only academic content should be added to this blog however links, comments, etc. are more than welcome.
Sonntag, Januar 09, 2005
Weblogs - Die Büchse der Pandora für PR-Praktiker? (Vorabveröffentlichung Pressesprecher)
Der folgende Beitrag stellt einen Entwurf für einen Einführungstext zum Thema Weblogs für die Februar/März Ausgabe des Pressesprechers dar. Der Originaltext ist der Redaktion zu lang und wird daher nur in gekürzter und veränderter Fassung veröffentlicht werden:
Weblogs – Die Büchse der Pandora für PR-Profis?
Bereits in der griechischen Mythologie sorgte ein geheimnsivolles und versiegeltes Gefäß von Göttervater Zeus für Aufsehen. Er gab die allgemein bekannte Büchse an Pandora, der ersten Frau auf Erden, mit dem Gebot, diese nicht zu öffnen. Doch Pandora erlag ihrer Neugier und öffnete die Büchse, worauf unzählige Plagen sich auf der Erde ausbreiteten. Als Zeus die unheilvolle Büchse schließlich wieder verschloss, blieb nur die „Hoffnung“ als einzige Wohltat für die Menschen in der Büchse zurück.
In Deutschland stellen Weblogs ein neues emergierendes Kommunikationsphänomen dar, dass ähnlich neugierig macht aber nicht ganz ungefährlich für PR-Praktiker ist. Gerade aus Sicht der Public Relations stellt sich die Frage, ob Weblogs - bei denen es sich technisch gesehen um XML-basierte, regelmässig aktualisierte Webseiten handelt, deren Einträge in umgekehrt chronologischer Reihenfolge sortiert sind –eine neue Büchse der Pandora sind? Wagen wir uns als PR-Profis an das Thema heran und riskieren einen kommunikativen Supergau? Oder sind Weblogs ein neuer Hoffnungsträger für professionelle Kommunikation in Zeiten der Medienvielfalt und des „information overload“? Derzeit gibt es sowohl Beispiele für den gefährlichen oder falschen Umgang mit Weblogs, wie das JAMBA! in Deutschland zeigt aber auch für deren nutzbringenden Einsatz.
Den noch überwiegend von Privatpersonen geführten elektronischen Tagebüchern sind inhaltlich keine Grenzen gesetzt. Sie können sowohl als private Tagebücher, journalistische Publikationen, zum Zwecke der internen oder oder externen Unternehmenskommunikation oder als Knowledge-Managementinstrument eingesetzt werden. Aufgrund der einfachen Handhabung und der geringen Kosten für Produktion und Übertragung bieten sie als eine Art Mini-Content Management Systeme Kommunikatoren, die nicht originär aus der Medienindustrie stammen, die Möglichkeit, sich an der öffentlichen Kommunikation zu beteiligen und Themen vorzugeben bzw. diese zu kommentieren. Damit ermöglichen Weblogs einem viel breiteren Publikum Zugang zu einem publizistischen Medium. Weblogs ersetzen damit die klassische „one-to-many“-Kommunikation durch eine netzwerkartige Kommunikation[1]. Möglich wird dies durch die Hypermedialität[2] der Weblogs, denn mittels Trackbacks und Blogrolls werden einfache Verlinkungen und Themenclusterungen auf einem Weblog möglich. Mittels dieser Verlinkung der Beiträge auf anderen Blogs, die meist von einem Autor – einem sogenannte Blogger – verfasst werden, können einzelne Inhalte eines Weblogs schnell in anderen Weblogs verbreitet werden. Diese als Trackback bezeichnete Verlinkung ermöglicht den schnellen Aufbau eines Kommunikationsnetzwerkes mit anderen Bloggern, die diese Trackbacks auf Ihren eigenen Seiten einbauen. So kann ein einziger Eintrag in einem Weblog sich binnen weniger Stunden in der Blogosphäre verbreiten bzw. vernetzen. Der Blogroll stellt darüber hinaus die beliebtesten Websiten oder Empfehlungen eines Bloggers dar. In der Regel verfügen Weblogs noch über eine weitere technische Raffinesse, die den Austausch von Information noch weiter beschleunigt: durch die Einbindung eines einfachen Syndizierungsverfahrens, dem RSS-Format (Really Simple Syndication) können Weblogs auch von Nicht-Bloggern „abonniert“ werden.[3] Über die häufig kostenlos zur Verfügung gestellte Browsersoftware, den News-Feedern wie Feed-Demon[4] oder News-Crawler[5], können Rezipienten individuell Blogs in ihrem Newsfeeder zusammenstellen. Der Feeder informiert dann automatisch, wenn neue Beiträge auf dem Blog erscheinen. Die Technologie hat auch Einzug bei der neuesten Generation des WWW-Browers Firefox[6] gefunden. So informiert der Browser den Nutzer automatisch über RSS-fähige Seiten, die dann per Mausklick einfach abonniert werden können. Aufwendiges Suchen oder ein regelmäßiges Nachschauen auf dem Blog entfällt. Damit verquicken Weblogs die jeweiligen Vorteile von Push-Diensten wie Email mit Pull-Diensten wie News-Foren oder Chat. Der Nutzer kann sich seine eigenen Seiten zusammenstellen und so seine eigenen Nachrichtenseiten konzipieren und bleibt stets auf dem Laufenden– mit wenigen Klicks. Die XML-Struktur von Weblogs erlaubt darüber hinaus, dass Informationen nicht nur auf Webseiten oder in Browsern dargestellt werden. Unter dem Stichwort Moblogging können die Inhalte von Weblogs über PDAs oder Mobiltelefone upgedated und abgerufen werden und ermöglichen damit informative Echtzeitkommunikation. So bietet Nokia bereits Software und Geräte dazu an.[7]
Obwohl Weblogs schon seit der Entwicklung des World Wide Web existieren[8], erlebte diesen einen ersten Durchbruch erst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die dezentrale webbasierte Kommunikationsstruktur von Weblogs erlaubte trotz überlasteter Telefonleitungen und z.T. einseitiger Medienberichterstattung durch die Leitmedien, Tausenden von Amerikaner, sich über ihren eigenen Weblog über die Geschehnisse und eigenen Erfahrungen mitzuteilen. Auch aus anderen Krisengebieten, wie bspw. im Irak-Krieg spielten Weblogs eine Vorreiterrolle in der Kommunikation, wie das Beispiel des Blogs von Salam Pax zeigt. In den ersten Tagen des Irak Kriegs stellte sein Blog beinahe die einzige Quelle dar, die kontinuierlich die Sicht der Betroffenen vor Ort in Bagdad schilderte. Entsprechend entwickelte sich die Homepage von Salam Pax[9] zu einem extrem stark frequentierten Treffpunkt für Interessierte aus aller Welt und nicht wenige Leitmedien verlinkten ihre Interangebote direkt mit diesem Blog. Einen zweiten Wachstums- und Bekanntheitsschub erhielten Weblogs im Rahmen des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, wo sie eine wichtige Rolle für die Koordination des politischen Handelns einiger Kandidaten übernahmen und darüber hinaus eine kritische Öffentlichkeit herstellten, die in wachsendem Maße das Agenda-Setting der klassischen Massenmedien beeinflußt haben. Dies hat dazu geführt das in den USA Blogs inzwischen stark verbreitet sind. Verschiedene Studien[10] schätzen die Zahl der Weblogs zwischen 8 und 12 Mio. in den USA. In Deutschland stellen Weblogs mit unter 60.000 Weblogs zwar noch ein Nischenphänomen dar, doch Wachstumszahlen im zweistelligen Bereich zeigen, dass es es sich bei Weblogs um ein entsprechend emergierendes Kommunikationsphänomen handelt. So schwappt die Welle der Begeisterung nun auch nach Deutschland. Jüngste Beispiele zeigen den breiten Einsatz von Weblogs. Das ZDF[11] basierte seine Berichterstattung über die Seebeben Katastrophe in Asien in den ersten Tagen auf sogennanten Tsunami-Blogs, wo Flutopfer „live“ aus dem Geschehen berichteten. Auch die Allgemeine Frankfurter Sonntagszeitung[12] berichtete jüngst über diese Geschehnisse und verwies auf entsprechende Weblogs, um das Geschehen vor Ort einzufangen. Doch neben der Berichterstattung durch Privatpersonen springen auch immer mehr Unternehmen auf das Thema Blogs. Sogenannte Corporate Blogs[13] – vom Unternehmen, dessen Mitarbeitern oder Führungskräften geführte Weblogs - stellen eine neue Möglichkeit dar, Informationen unter Ausschluss klassischer Medien wie TV und Print ungefiltert an ihre Interessenten zu senden. Für Public Relations Praktiker stellt dies eine Chance für direkte Information an die Zielgruppe dar. Die Einsatzmöglichkeiten sind sehr breit, von Produkt-PR, Investor Relations bis hin zur Krisenkommunikation sind Weblogs aufgrund Ihrer hohen Aktualität, Geschwindigkeit und der Mischung aus Push- und Pull-Medium geeignet. Doch mit der zunehmenden Verbreitung und Vernetzung von Weblogs in Deutschland entsteht eine neue Öffentlichkeit, die nur schwer zu überschauen, geschweige denn zu kontrollieren ist. Durch Weblogs werden damit neue Anforderung an das Issue-Management von PR-Profis gestellt. Entsprechende Entwicklungen im Software- und Beratungsbereich stehen noch ganz am Anfang. Der aktuelle Fall von JAMBA! zeigt, dass die die kommunikative Kraft von Weblogs in Unternehmen unterschätzt wird. [Siehe dazu die gesamte Berichterstattung auf PR-Blogger, Spreeblick und im E-Business Weblog].
Inzwischen vergeht kein Tag in dem nicht Online wie Offline über das Thema Weblogs berichtet wird. Selbst die klassischen Leitmedien wie Spiegel[14], FAZ und ARD und ZDF berichten über das Phänomen Blogs, bzw. nutzen diese als Quelle der Berichterstattung. Welche Konsequenzen können für die PR-Arbeit aus diesen Entwicklungen gezogen werden?
- Weblogs stellen neue Herausforderungen an das Issue Management von Unternehmen[15]. Aufgrund der Schnelligkeit und Vernetzung sind Weblogs eine Art kommunikativer Seismograph oder Frühwarnsystem für neue Trends oder Issues im Netz. Screening als auch rechtzeitiges Gegensteuern werden wichtig.
- Weblogs stellen ein komplementäres Kommunikationsinstrument im PR-Arsenal dar und ermöglichen direkte, schnelle Kommunikation zu den Interessengruppen. Neuere Entwicklungen insbesondere im mobilen Bereich, werden hier neue Anwendungsmöglichkeiten für Marketing und Krisenkommunikation in naher Zukunft ermöglichen.
- Blogger in der Blogosphäre stellen eine eigene Öffentlichkeit mit eigenen Kommunikationsverhalten dar. Journalistische Vorgehensweisen der Nachrichtenselektion, -redaktion und –validierung sind außer Kraft[16] gesetzt. Vorherscherrend ist eine neue Form des „grass-root journalism“[17] bzw. partizipatorischen Journalismus[18], die bisherige journalistische Routinen auf den Kopf stellt: erst wird veröffentlicht und dann entsprechend kommentiert. Gerüchte, Falschmeldungen und z.T. ungenügend recherchierte Nachrichten bekommen dadurch schnell ein breites Publikum. Dennoch müssen Unternehmen darauf schnell und kompetent reagieren. Die Gefahren verdeckten Bloggens können für ein Unternehmen schnell zurückschlagen.
- Corporate Blogs erlauben eine authentische, direkte Darstellung des Unternehmens. Die praktisch unbegrenzte Reichweite und vierundzwanzigstündige Verfügbarkeit für alle Interessierten sowie die Möglichkeit ein direktes Feedback von Weblog-Lesern durch Trackback Kommentierung zu erhalten, können Unternehmensinteressierte besser eingebunden werden.[19]
- Corporate Blogs erlauben eine offene und argumentative Diskussion und erhöhen damit die Glaubwürdigkeit der Unternehmung. Trotz der Offenheit der Weblogs besteht eine hohe Kontrollmöglichkeit für den Besitzer eines Weblogs.
- Corporate Blogs stellen ein kostengünstiges, schnell aktualisierbares und leicht zu bedienendes Medium dar und bieten gerade mittelständischen Unternehmen eine gute Möglichkeit, ein schnelles Feedbackmedium im Internet zu etablieren.
Doch Vorsicht! Trotz der Vorteile sind Corporate Blogs nicht für jedes Unternehmen geeignet. Aus den Vorteilen der Aktualität und Feedbackmöglichkeit erwachsen hohe Anforderungen an die Unternehmenskommunikation. Es benötigt viel Content und qualifizierte Mitarbeiter zum Betreiben eines Corporate Weblogs.
Die Frage, ob Weblogs eine Büchse der Pandora für Unternehmens-PR darstellen kann zum heutigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Die Tatsache, dass Weblogs ein neues, interessantes Medium mit hohen Chancen- und Risikopotential darstellen schon, wie ein Blick in die USA zeigt. Dort wurden das Wort Weblog im Dezember 2004 von der Redaktion des amerikanischen Wörterbuchs Merian-Webster zum Wort des Jahres gekürt und auch das Das Fortune Magazine[20] bewertet Weblogs als einen der zehn wichtigsten Technologietrends in 2005. Fazit: An Weblogs wird kein Unternehmen und kein PR-Praktiker in naher Zukunft vorbeikommen.
Offline Einstiegs-Literatur zum Thema Weblog (von Markus Westner zusammengestellt):
Deutschsprachig
· Blogs von Don Alphonso
· BlogTalks von Thomas N. Burg
· Das Blog-Buch von Dirk Olbertz
· Generation Blogger von Markus Chr. Koch et al.
· Online-Communities, Weblogs und die soziale Rückeroberung des Netzes von Christian Eigner et al.
· TELEPOLIS: Die heimliche Medienrevolution - Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern von Erik Möller
· Weblogs einrichten und loslegen von Nico Lumma et al.
Englischsprachig
· Blog On von Todd Stauffer
· Blog!: How the Web's New Mavericks Are Changing Our World von Daniel Burstein et al.
· Blog: Understanding the Information Reformation That's Changing Your World von Hugh Hewitt
· Blogging von Biz Stone
· Blogging for Teens von John Gosney
· Blogging Hacks von Ben Hammersley
· Buzz Marketing with Blogs for Dummies... von Susannah Gardner
· Essential Blogging von Cory Doctorow et al.
· Mirror and the Veil, The: An Overview of American Online Diaries and Blogs (Amsterdam Monographs in American Studies)
· Publishing a Weblog with Blogger von Elizabeth Castro
· Running Weblogs with Slash von chromatic et al.
· Sams Teach Yourself Blogging in 24 Hours... von Molly E. Holzschlag
· The Baghdad Blog von Salam Pax
· The Complete Idiot's Guide to Creating a Web Page and Blog von Paul McFedries
· The Mammoth Book of Sex Diaries: Online Confessions and Call-Girl Adventures: The Best of the Sex Blogs von Maxim Jakubowski
· The Weblog Handbook: Practical Advice on Creating and Maintaining Your Blog von Rebecca Blood
· The Year of the Blog: Blogs, Politics, and the 2004 Election von Robert J. McNamara et al.
· We Blog von Paul Bausch et al.
· Weblogs and Libraries von Laurel Anne Clyde
· Weblogs for Dummies von Brad Hill
· We've Got Blog: How Weblogs Are Changing Our Culture von Rebecca Blood
· Who Let the Blogs Out?: A Hyperconnected Peek at the World of Weblogs von Biz Stone
Quellen und Literaturangaben:
[1] Plake, K./Jansen, D./Schuhmacher, B. (2001): Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit im Internet - Politische Potentiale der Medienentwicklung, Wiesbaden
[2] Wirth, W./Schweiger, W. (1999): Selektion im Internet. Empirische Analysen zu einem Schlüsselkonzept, Opladen; Wiesbaden
[3] Hammersly, Ben (2003): Content Syndication with RSS, Sebastopol, CA
[4] http://www.feed-demon.com
[5] http://www.newzcrawler.com
[6] http://www.firefox.com
[7] http://www.nokia.com/nokia/0,,54630,00.html
[8] Ein ausführlicher historischer Überblick findet sich bei Blood, R. (2004): http://www.rebeccablood.net/essays/weblog_history.html
[9] Salam Pax (2004): http://dear_raed.blogspot.com/
[10] http:www.livejournal.com sowie Berlecon (2004): Weblogs in Marketing und PR - Konzept, Potentiale und Herausforderungen, Berlecon Research GmbH, Berlin
[11] Harrer, W. (2005): http://tsunami-blog.zdf.de/
[12] Niegermeyer, S. (2005): http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/
Doc~E0CDB8852EF 2644B2A42C8EB1576446FA~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[13] Fischer, T. (2004): Corporate Blogs – Seifenblase oder Bereicherung der Blogosphäre?, in: Die Gegenwart, Ausgabe 40, 2004 http://www.diegegenwart.de/ausgabe40/corporateblogs.htm
[14] Stöcker, C. (2005): http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,335622,00.html
[15] Pleil, T. (2004): PR zwischen Euphorie und Ignoranz, in: Die Gegenwart, Ausgabe 40, 2004; http://www.diegegenwart.de/ausgabe40/euphorie.htm
[16] Fischer, T.; Quiring, O. (2005): Weblogs II - Ein neues Kommunikationsphänomen zwischen Laienjournalismus und professioneller Berichterstattung?, in: Der Fachjournalist, Heft 3, 2. Quartal, 2005 (in Vorbereitung unter www.bloginitiativergermany.de)
[17] Lasica, J. D. (2003): What is Participatory Journalism?, http://www.ojr.org/ojr/workplace/1060217106.php
[18] Neuberger, C. (2003): Google, Blogs & Newsbots - Mediatoren der Internetöffentlichkeit, http://www.bpb.de/files/AJGN9T.pdf
[19] http://klauseck.typepad.com/prblogger/corporate_weblogs/index.html
[20] http://www.fortune.com/fortune/technology/articles/
0,15114,1011757,00.html
Samstag, Dezember 25, 2004
Rezension - Die heimliche Medienrevolution
Die folgende Rezension wurde von mir bereits letzte Woche auf dem PR-Blogger veröffentlicht:
Blogs und Wikis: die heimliche Medienrevolution?
Welchen Einfluss haben neue Internetdienste heute auf die Mediengesellschaft? Dieser Frage geht Erik Möller in seinem kürzlich im Telepolis Verlag erschienenen Buch nach: „Die heimliche Medienrevolution – Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern“. Möller untersucht in seinem Werk neue Medienformen, die auf Basis freier Software wie Weblogs und Wikis etc. entstehen. Als freier Journalist und studierter Informatiker hat Möller selbst lange Entwicklungserfahrung bei Wikipedia gesammelt. Außerdem betreibt er eigene Wikis, Weblogs und Mailing-Listen. Deshalb kennt er sich mit diesen Themen bestens aus.
Im ersten Kapitel mit dem Titel „Meme in Bewegung“ gibt Möller einen kurzen Überblick über die Geschichte und Machtfunktionen klassischer Medien. Dabei geht er auf Dienste wie Usenet, Chat und die Funktionsweise von Hypertext ein. Im zweiten Kapitel „Die Befreiung des Codes“ stellt der Autor die Open Source Bewegung vor. Sowohl die Philosophie, die Anwendungsmöglichkeiten als auch konkrete Statistiken zu Open Source werden umfassend präsentiert. Möller profitiert hierbei von seiner großen Erfahrung.
Die „Blogosphäre“ bildet das dritte Kapitel. Knapp werden hier die geschichtlichen Anfänge von Weblogs vorgestellt. Die darauf folgende Darstellung der explosionsartigen Entwicklung von Blogs am Beispiel von Slashdot soll belegen, welche Bedeutung kollaborative Blogs auch für die klassische Medien inzwischen spielen. Möller illustriert seine Ausführungen mit zahlreichen Beispielen aus der Blogospähre. Ausführlich beschreibt es den Einsatz eines Weblogs am Beispiel von LiveJournal und gibt dann einen kurzen Abriss über die aktuelle Demographie von Bloggern und Nutzungstatistiken.
Eingefleischte Blogger werden hier allerdings ein wenig enttäuscht werden, stützt er sich doch auf die weitestgehend bekannten Beispiele und Statistiken wie Perseus oder LiveJournal. Sein Ausblick welche Einsatzmöglichkeiten Weblogs bspw. als Rezensionsinstrument in der Musikbranche, als Erotik-Blog, als Video-Blogs oder Watchblogs haben werden, bleibt hier zu kurz. Möller leitet schließlich zu der Frage über, ob Blogs überhaupt Journalismus sind?
Im letzten Kapitel dreht sich schließlich alles um das Thema Wikis. Die durchaus umstrittene Thematik über den Nutzen von Wikis, deren Konzeption und interessante Beispiele werden in diesem Teil des Buches von Möller behandelt. Insgesamt geht der Autor durchaus kritisch mit dem Thema der technologischen Revolution um und auch in seinem Ausblick vergisst er nicht zu erwähnen, das letztlich der Mensch im Mittelpunkt steht. Wer allerdings hofft, Antworten auf die reißerische Ankündigung der Verlagsseite zu finden, der wird enttäuscht werden:
„Medien bedeuten Macht. Kann das Internet Bertelsmann, Springer und Murdoch gefährlich werden? Großunternehmen versuchen auch die neuen Medien zu kapitalisieren, doch in der chaotischen, dezentralen Welt des Internet gelten andere Spielregeln. Hochmotivierte Hacker basteln in ihrer Freizeit unauffällig an Enzyklopädien, Communities und gemeinschaftlich betriebenen News-Websites, deren Einfluss mit jedem Tag wächst. Die Medienrevolution spielt sich leise ab -- doch ihre Folgen sind bereits jetzt unübersehbar“.
Möller hat ein Buch geschrieben, dass über die reinen „How-to-Do“-Bücher zu den Themen Weblogs, Wikis und Open Source hinaus, einen Blick über den Tellerrand wirft und zum Nachdenken und Weiterspinnen anregen soll. Ein interessanter Service zum Buches ist im übrigen, das zeitgleich zur Erscheinung ein eigenes Weblog eingerichtet wurde, bei dem man auch die aktuelle Bewertung der Leser einsehen kann.
Rezension von Tim Fischer
Bibliografische Angaben: Erik Möller Die heimliche Medienrevolution (Telepolis) Heise November 2004 234 Seiten, Broschur 19,00 Euro (D) / 19,60 Euro (A) / 34,00 sFr ISBN 3-936931-16-X oder bei Amazon.
Dienstag, Dezember 21, 2004
Blogging as social action – the trias of practice, rules and relations.
Dr. Jan Schmidt just joined BIG and presents an abstract of his forthcoming presentation on the next Seventh International German Online Research Conference (GOR) on March 22nd and 23rd at the University of Zurich, Switzerland. Conference topics include theories, methods, and empirical findings concerning social and business aspects of the Internet and mobile communication. The aim of the conference is to document the progress of Internet science, innovative developments, and practical experience. Amongst other things Dr. Jan Schmidt who just recently published his dissertation on virtual reality and geographic boundaries will present a paper on Blogging as social action. The abstract can already be reviewed and commented here:
Abstract submitted to GOR 2005
Blogging as social action – the trias of practice, rules and relations.
The last two years have seen the emergence of Weblogs as a new genre of Internet-based communication, with an estimated number between two and four million Weblogs existing in September 2004. They attracted special attention during the American presidential campaign, where they played an important role for coordinating political action and creating a critical public sphere with increasing influence on the agenda setting process of traditional mass media. While their general form is rather simple – a regularly updated website with posts sorted in reverse chronological order –, they are used in different contexts, including private journals, journalistic endeaveours, internal or external organizational communication and personal knowledge management. Therefore, Weblogs can be regarded as an instance of „Social Software“: tools connecting people through shared practices of computer-mediated communication.
Current Weblog research is mostly inductive and case-based. To lay theoretical grounds for further analysis, this paper proposes a sociological framework applying ideas of structuration theory and arguing that ongoing practices of „Blogging“ (re-)produce two kinds of structures which in turn frame the individual blogging experience:
1. Structures as rules, framing individual actions by excluding or suggesting certain practices. Rules can range from shared but relatively noncommittal routines emerging out of frequent use, over obligatory regulations layed down in users’ agreements to specifications inscribed in the code and architecture of the Weblog software.
2. Structures as relations, connecting individual Weblogs through different mechanisms of linking between texts and authors. Depending on the context of use, the resulting networks can build or reinforce strong ties within small communities of friends, support knowledge forming and sharing through weak ties among experts of particular knowledge domains, or create public spheres where current issues are discussed.
These ideas will not only be explicated in the paper, but also additionally illustrated by empirical findings from an in-depth-study of the Weblog community „twoday.net“, thus examining the trias of practice, rules and relations in detail and contributing to a better understanding of this new form of CMC.
Bloggen als soziales Handeln – zur Trias von Praxis, Regeln und Relationen.
In den letzten beiden Jahren haben sich Weblogs als neues Genre der internetbasierten Kommunikation etabliert, das im September 2004 verschiedenen Schätzungen zufolge zwischen zwei und vier Millionen einzelne Angebote umfaßte und rasant wächst. Weblogs wurde im Rahmen des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf besondere Aufmerksamkeit zuteil, weil sie eine wichtige Rolle für die Koordination des politischen Handelns einiger Kandidaten übernahmen und darüber hinaus eine kritische Öffentlichkeit herstellten, die in wachsendem Maße das Agenda-Setting der klassischen Massenmedien beeinflußt hat. Formal bestehen sie aus regelmässig aktualisierten Webseiten, deren Einträge in umgekehrt chronologischer Reihenfolge sortiert sind. Inhaltlich können sie die Rolle privater Tagebücher, journalistischer Publikationen, Medien interner oder externer Unternehmenskommunikation oder auch des persönlichen Wissensmanagements einnehmen. Weblogs sind daher ein Beispiel für „social software“, das heißt für Werkzeuge, die Menschen durch geteilte Praktiken der computervermittelten Kommunikation miteinander verbinden.
Die sozialwissenschaftliche Weblogforschung befindet sich in ihren Anfängen, ist größtenteils induktiv und auf einzelne Fälle bezogen. Um die weitere Beschäftigung mit dem Genre auch theoretisch zu fundieren, schlägt dieses Paper einen soziologischen Begriffsrahmen vor, der Gedanken der Strukturierungstheorie aufgreift. Die Grundannahme ist, dass wiederholte Praktiken des Umgangs mit Weblogs zwei Strukturformen (re-)produzieren, die wiederum auf das individuelle „Bloggen“ zurückwirken:
1. Strukturen als Regeln, die individuelles Handeln rahmen, indem sie bestimmte Praktiken nahelegen oder ausschließen. Regeln können von geteilten, aber relativ unverbindlichen Routinen über kodifizierte Vorschriften aus Nutzervereinbarungen bis hin zu Spezifikationen reichen, die im Code und der Architektur der verwendeten Weblog-Software niedergelegt sind.
2. Strukturen als Relationen, die einzelne Weblogs mit Hilfe von verschiedenen Mechanismen der Verknüpfung von Texten und Autoren miteinander verbinden. In Abhängigkeit vom Nutzungskontext können die entstehenden Netzwerke starke Bindungen innerhalb kleiner Freundeskreise unterstützen, das Generieren und Teilen von Wissen in schwach verknüpften Experten-Communities fördern oder Teilöffentlichkeiten generieren, in denen aktuelle Themen diskutiert werden.
Das Analysemodell wird im Paper dargelegt und durch empirische Befunde illustriert, die am Beispiel einer Fallstudie der „twoday.net“-Weblog-Community die Trias von Praxis, Regeln und Relationen verdeutlichen.
Mittwoch, Dezember 15, 2004
Weblogs II –Ein neues Kommunikationsphänomen zwischen Laienjournalismus und professioneller Berichterstattung?
The following text is a draft version of an article to be presented in the magazine "Der Fachjournalist". Please feel free to comment on it:
Weblogs II –Ein neues Kommunikationsphänomen zwischen Laienjournalismus und professioneller Berichterstattung?
Ein Kommentar von: Tim Fischer und Oliver Quiring
Die Berichterstattung über das Phänomen „Blogging“ hat in den vergangenen Wochen und Monaten online wie offline zugenommen. Längst sind die zunächst überwiegend von Privatpersonen geführten elektronischen Tagebücher von den traditionellen Medien wie bspw. „Die Zeit“[1] oder der „Tagesschau[2]“ kopiert worden und haben Einzug in das Themenrepertoire von Lifestyle-Magazinen wie „GQ“ [3] gefunden. Auch der Fachjournalist berichtete in seiner Ausgabe 15/2004 über die Wege zum eigenen Weblog. Die einfache Installation und Handhabung machen sie zu einem attraktiven Kommunikationsinstrument – nicht nur für Journalisten. Einst überwiegend von Privatpersonen verwendet, rücken nun die Industrie-Unternehmen und PR-Agenturen nach. Doch was ist eigentlich der Nährboden für diese Form des “grass-root journalism“? Wenn jeder bloggt, hat dies Auswirkungen auf den klassischen Journalismus oder können Redakteure wie Unternehmen davon profitieren?
Weblogs sind ein emergierendes Kommunikationsphänomen
Przepiorka[4] beschreibt anschaulich in seinem Artikel, wie einfach selbst für WWW bzw. HTML unerfahrene Internetnutzer die Erstellung eines Weblogs ist. Unter Weblogs wird allgemein ein thematischer Nachrichtendienst verstanden, der als Website publiziert und ähnlich wie ein Tagebuch (daher der Name „Web-Logbuch“) in regelmäßigen Abständen ergänzt wird.[5] Ein solches Weblog kann beispielsweise bei www.blogger.com/start mit nur drei Klicks erschaffen werden. Aufgrund der einfachen Handhabung und der geringen Kosten für Produktion und Übertragung bieten Blogs Kommunikatoren, die nicht originär aus der Medienindustrie stammen, die Möglichkeit, sich an der öffentlichen Kommunikation zu beteiligen und Themen vorzugeben bzw. diese zu kommentieren. Damit ermöglichen Weblogs einem viel breiteren Publikum Zugang zu einem publizistischen Medium. In den USA sind Blogs inzwischen stark verbreitet. Man schätzt die Zahl der Weblogs zwischen 8 und 12 Mio. In Deutschland steht Blogging mit weniger als 60.000 Weblogs noch am Anfang, aber mit enormen Wachstum.[6] Weblogs stellen damit ein emergierendes Kommunikationsphänomen dar, das für den Journalismus Chance und Risiko zugleich ist.
Weblogs und RSS vernetzen Nachrichten und Kommentatoren
Durch die Hypermedialität[7] der Weblogs werden mittels Trackback, Blogrolls und Pingback (siehe Artikel Prezpiorka Ausgabe 15/2004) Verlinkungen und Themenclusterungen auf einem Weblog möglich. Weblogs ersetzen die klassische „one-to-many“-Kommunikation durch eine netzwerkartige Kommunikation. Ein Thema oder Bericht kann durch wenige Verlinkungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Durch die Einbindung von RSS-Feeds können einmal publizierte Nachrichten in einem Weblog sich in Windeseile durch die verlinkten Seiten und RSS-Abonnenten verbreiten. RSS steht für Really Simple Syndication und stellt ein Content Syndizierungformat dar, dass die einfache Verbreitung von Webinhalten mittels sogenannter Feed-Reader ermöglicht. Diese stellen eine Art Minibrowser dar, der die wesentlichen Informationen der neuen Nachrichten mit Titel und kurzer Textzusammenfassung wiedergibt. Die Nutzer können die jeweiligen Feeds auf den einzelnen Weblogs abonnieren und so immer über Änderung des Weblogs informiert werden. Die Feedinformation ist aufgrund ihrer Struktur aber nicht auf das World Wide Web begrenzt, sondern es ist möglich, Feeds auf Handys, PDAs oder andere Applikationen zu erhalten. Dadurch ermöglicht RSS eine schnelle und geschehensnahe Information an die Abonnenten des Feeds über Änderungen. Weblogs sind durch RSS eine gelungene Kombination von Push- und Pull-Dienst und unterscheiden sich dadurch von den klassischen Newsforen oder Mailinglisten, die vom Nutzer aktiv aufgerufen werden müssen.
Durch Weblogs und die schnelle Möglichkeit der Informationsverbreitung entstehen bislang unbekannte Arenen der öffentlichen Kommunikation und neue Kommunikationspartner rücken ins Blickfeld – sei es, um neue Themen aufzugreifen, diese zu kommentieren oder selber Themen zu setzen.
Bedrohen Weblogs die klassischen Aufgaben der Journalisten?
Für Journalisten aus den klassischen Medien wie Print, TV, Hörfunk bedeutet dies ein Überdenken ihrer Rolle als Nachrichten-Gatekeeper. Bisher blieb es Journalisten vorbehalten, gesellschaftlich wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen (Selektionsfunktion). Sie informierten und unterhielten die breite gesellschaftliche Öffentlichkeit. Redakteure bestimmten, welche Informationen realistisch, glaubwürdig oder für den Leser/Zuschauer relevant oder von Interesse waren (Orientierungsfunktion) und trugen somit zur öffentlichen Meinungsbildung und Unterhaltung bei.[8] Durch ihre Kommentierung und Recherche überprüften Sie bestimmte Aussagen, um dem entsprechenden Beitrag eine höhere Qualität zu verleihen (Validierungsfunktion).
Weblogs könnten eine Verschiebung journalistischer Funktionen im Internet bewirken
Weblogs ermöglichen prinzipiell jedem die Teilnahme an der öffentlichen Diskussion. Dieser „partizipatorische Journalismus“[9] oder „grass root journalism“ stellt einige der klassischen Aufgaben und Funktionsweisen des Journalismus auf den Kopf. In der Blogospehre wird erst geschrieben und dann kommentiert. Ein wesentlicher Unterschied von Weblogs zu klassischen Informationsangeboten des Journalismus ist, dass die Informationen ungefiltert ins Netz gestellt und nicht wie bisher vorher selektiert werden. I.d.R. werden die Inhalte erst im Nachhinein durch Kommentare, Bemerkungen und Hinweise anderer Blogger ergänzt. Sie erfahren damit erst eine nachträgliche Bestätigung und Ergänzung, keine vorherige Validierung durch umfangreiche Recherchen eines Redakteurs.[10] Qualitätskontrolle findet daher eher nach Augenschein und im öffentlichen Diskurs statt. Das heißt: Alles, was auf den Seiten zu lesen ist, gilt als vorläufig und unfertig. Es steht unter dem Vorbehalt einer genaueren Prüfung durch die Nutzer und andere Anbieter. Dennoch: Journalisten, wenn Sie nicht selber Blogger sind, bleiben außen vor. Zu informieren und zu unterhalten versuchen Blogger natürlich auch. Wie es dabei um die gesellschaftliche Orientierung steht, bleibt beim Blogging offen und dürfte sich je nach der thematischen Ausrichtung des Blogs stark unterscheiden.
Neue Aufgaben für (Online-)Journalisten
Auf Journalisten als klassische Informationsintermediäre im Mediensystem kommen damit neue Aufgaben zu. Die in der Blogosphere vorherrschende Netzkommunikation macht ihre Funktion als Gatekeeper im Internet teilweise hinfällig. Direkte, interaktive Kommunikation mit allen Kommunikatoren ist über das Web möglich. Information kann ungefiltert zwischen den Schreibern und Lesern fließen.
Abbildung 1 - Eigene Darstellung in Anlehnung an Plake, K./Jansen, D./Schuhmacher, B. (2001), S. 108 f.
Die journalistische Filterfunktion und Informationsfunktion entfällt, denn in Weblogs können die Rezipienten schon heute lesen, was morgen erst gedruckt oder gesendet wird. Trotz dieser neuen Technologien ist eine Verdrängung der journalistischen Orientierungsfunktion nicht vollkommen denkbar. Aufgrund der zunehmenden Fragmentierung und Individualisierung der Gesellschaft entstehen Teilöffentlichkeiten mit spezifischeren Informationsbedürfnissen[11]. Diese Bedürfnisse stärken wiederum den Ruf nach qualitativ hochwertigen und glaubwürdigen Informationen, die vor allem durch Journalisten bereitgestellt werden. Journalisten könnten künftig mehr für die Überprüfung der Qualität von Informationen zuständig sein und für eine Orientierung in der hohen Datenflut durch Kommentierung sorgen. Weblogs bringen aber nicht nur Nachteile für Journalisten in Form von Kontrollverlust bei gleichzeitig erhöhten Routinetätigkeiten. Im Gegenteil: sie stellen eine Chance für Journalisten dar.
Weblogs als neue Quelle und Gegenstand der Berichterstattung für Journalisten
Einerseits kommen Weblogs als Quelle für journalistische Berichterstattung vor allem dann in Frage, wenn seriöse Quellen nicht verfügbar sind oder keine aktuellen Daten liefern können. Durch die dezentrale Struktur von Weblogsystemen, ist es möglich von überall auf der Welt eine breite Lesergruppe zu erreichen. Auch aus einem Krisengebiet, wie das Beispiel des Blogs von Salam Pax zeigt. In den ersten Tagen des Irak Kriegs stellte sein Blog beinahe die einzige Quelle dar, die kontinuierlich die Sicht der Betroffenen vor Ort in Bagdad schilderte. Entsprechend entwickelte sich die Homepage von Salam Pax[12] zu einem extrem stark frequentierten Treffpunkt für Interessierte aus aller Welt und nicht wenige Leitmedien verlinkten ihre Interangebote direkt mit diesem Blog.
Andererseits bilden die thematisch vielfältigen Weblogs ein schier unerschöpfliches Reservoir für die Berichterstattung. Ein aktuelles Beispiel stellt der Fall von Ellen Simonetti dar, die mit ihrem Blog „Diary of a Flight Attendant“[13] Medienaufmerksamkeit erregte. Simonetti berichtet in ihrem Blog über ihre Erlebnisse als Stewardess bei Delta Airlines – dies führte letztlich zu ihrer Entlassung. Aufgrund der kuriosen Verknüpfung zwischen Blog und Entlassung, wurde ihr Blog Gegenstand der Berichterstattung.
Weblogs als neue Wunderwaffe im Kampf um Aufmerksamkeit?
In Zeiten des medialen und häufig beklagten „information overload“ werden Nachrichten von Unternehmen, PR-Agenturen und publizistischen Medien nicht mehr oder nur teilweise wahrgenommen, da sie im Überfluss vorhanden sind. Lediglich Informationen zu einem spezifischen Bedarf, verstanden als „zweckorientiertes oder zielgerichtetes Wissen“ (Wittmann 1959, S. 14), sind knapp. Für die Rezipienten ist damit die Suche nach der richtigen Information wichtiger geworden. Bei einem zunehmenden Medienangebot und der gleichzeitig begrenzten menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit nimmt die Aufmerksamkeit für jedes einzelne Medium und der mit ihr übertragenen Botschaft ab. Aufmerksamkeit wird damit zum knappen Gut[14] und diese Knappheit stellt eine neue kommunikative Barriere dar. Nicht mehr was in den Medien ist, wird damit relevant[15] sondern wie man die Aufmerksamkeit auf das Medium lenken kann. Blogger als „partizipatorische Journalisten“ kommentieren das Tagesgeschehen und helfen dabei bestimmte Themen zu „highlighten“. Dennoch: Blogs erreichen momentan nur erhöhte Aufmerksamkeit bei einer breiten Bevölkerung, indem sie kuriose Themen enthalten oder solche behandeln, die bereits auf der Agenda der klassischen Print und Rundfunk-Medien stehen. Die entscheidende Frage ist, wie stark sich der kommunikative Netzeffekt entwickeln wird und ob sich das Gewicht zukünftig in Richtung Weblogs verschieben wird. Wie Weblogs die Beziehung zu klassischen Printmedien und damit den Journalismus und die Mediennutzung insgesamt verändern werden, wird in den USA heiß diskutiert. So haben Blogger Dave Winer und New York Times Digital CEO Martin Nisenholtz eine offene Wette laufen, dass Weblogs bis 2007 den klassischen Printmedien den Rang ablaufen werden (http://www.longbets.org/2).
Literatur:
Berlecon (2004): Weblogs in Marketing und PR - Konzept, Potentiale und Herausforderungen, Berlecon Research GmbH, Berlin.
Franck, G. (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit - Ein Entwurf, München, Wien.
Hilse, M./Hoewner, J. (1998): Die Kommunikationskrise im Internet – und was man dagegen tun kann... in: Krezminski, M. (Hrsg.): Interaktive Unternehmenskommunikation – Internet, Intranet, Datenbanken, Online-Dienste und Business-TV als Bausteine erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit, Frankfurt am Main, S. 137 - 154.
Hömberg, W. (2002): Expansion und Differenzierung - Journalismus und Journalistenausbildung in den vergangenen drei Jahrzehnten, in: Altmeppen, K.-D. H., Walter (Hrsg.): Journalistenausbildung für eine veränderte Medienwelt - Diagnosen, Institutionen, Projekte, 1. Auflage, Wiesbaden., S. 17-31.
Lasica, J. D. (2003): What is Participatory Journalism?, http://www.ojr.org/ojr/workplace/1060217106.php.
Merten, K. (1999): Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bd 1/1: Grundlagen der Kommunikationswissenschaft, Münster: LIT.
Neuberger, C. (2003): Google, Blogs & Newsbots - Mediatoren der Internetöffentlichkeit, http://www.bpb.de/files/AJGN9T.pdf.
Plake, K./Jansen, D./Schuhmacher, B. (2001): Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit im Internet - Politische Potentiale der Medienentwicklung, Wiesbaden.
Prezpiorka, S. (2004): Der Weg zum eigenen Weblog, in: Der Fachjournalist, o. Jg., Nr. 15, S. 24-27.
Wirth, W./Schweiger, W. (1999): Selektion im Internet. Empirische Analysen zu einem Schlüsselkonzept, Opladen; Wiesbaden.
Zerfaß, A. (2004): Meinungsmacher im Internet. Weblogs und Peer-to-Peer-Dienste als Herausforderungen für die PR, in: PR-Guide, Nr. 6, S. 1-5.
[1] http://www.zeit.de/blogs/index
[2] http://www.blog.tagesschau.de/
[3] http://www.gq-magazin.de/gq/6/content/07595/index.php
[4] Vgl. Prezpiorka (2004)
[5] Vgl. Zerfaß (2004), S. 1
[6] Vgl. Berlecon (2004)
[7] Vgl. Wirth/Schweiger (1999)
[8] Vgl. Hilse/Hoewner (1998)
[9] Vgl. Lasica (2003)
[10] Vgl. Neuberger (2003)
[11] Vgl. Hömberg (2002), S. 17 ff.
[12] http://dear_raed.blogspot.com/
[13] http://queenofsky.journalspace.com/
[14] Vgl. Franck (1998)
[15] Vgl. Merten (1999), S. 260
"Another way to spell conversation is b-l-o-g"....
...said Tom Curley, Präsident und CEO, The Associated Press on the Online News Association Conference on the 12 November 2004. Well then...let´s b-l-o-g about weblogs and the blogosphere from a scientific standpoint. Readers and writers as well as links from the academic world a more than welcome to further educate german bloggers and the public on the subject of weblogs.
In my opinion blogs will have a strong impact on the way we communicate. Especially journalists and journalism as a social function will be influenced by the blogospehre thus transforming traditional functions of journalists such as research, selection, validation, editing, information, entertainment and orientation. There will be a shift from the more information oriented journalism to a form of background journalism. Recently I provided an article concerning the threats of blogging to journalism in the online magazine of "Die Gegenwart" - an online magazine on journalism and new media.
In addition to that I am working on a new article together with a colleague of mine - Oliver Quiring - concerning weblogs which is currently being reviewed by the editors of "Der Fachjournalist". The article is more a less a commentary on the good introductory article on weblogs by Sven Przepiorka who is also working on a Ph.D. thesis on weblogs.
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